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Gert Gekeler
Multiplikationen


Zu den Bildern

Bilder ab 2003 basieren auf Fotos, die am Computer bearbeitet wurden. Dabei geht es darum, Farben und Strukturen der Fotos so zu verändern, dass rigide Seh- und Denkgewohnheiten nicht mehr funktionieren und Bildinhalte lediglich in einer Art Möglichkeitsmodus erscheinen: Aus Zweigen werden bizarr-fadige Strukturen, Verrostetes mutiert zu Landschaft, Spiegelungen im Wasser werden zu Ahnungen einer unbekannten Realität, Unschärfe und andere Transformationen machen auf den großspurigen Wirklichkeitsanspruch üblichen Sehens aufmerksam. Stilistische Zitate transportieren jene Sichtweisen, mit denen sich die jeweilige Stilrichtung befasste.

Die zentrale Technik der Bildbearbeitung ist die digitale Multiplikation. Damit ist die computergestützte Vervielfachung von Teilen eines Fotos gemeint. Im einfachsten Fall geschieht dies durch eine horizontale oder vertikale Spiegelung, so dass symmetrische Bilder entstehen. Variationsreicher sind Vervielfachungen in Form von Stapeln: Im Computer wird die im Stapel oben liegende Bildversion bearbeitet und dann wird an verschiedenen Stellen die Bearbeitung gelöscht, so dass Ausschnitte der jeweils darunter liegenden Version sichtbar werden.

Eingebunden in diese Gestaltungstechnik wird sozusagen experimentell die Frage behandelt, wann ein Bild fertig ist. Bei computergestütztem bildnerischem Gestalten taucht diese Frage fast von alleine auf, weil es kein logisches oder allgemein verbindliches Kriterium gibt, mit den möglichen Variationen einer Foto-Vorlage gerade jetzt aufhören zu müssen. Durch die Gegenüberstellung verschiedener Endbilder kann verdeutlicht werden, dass jede bildnerische Gestaltung eine Vielzahl von Alternativen hat, auch wenn sie nie ausgeführt wurden. In dieser Sicht erhält selbst historisch Großartiges und Einmaliges eine Schattierung von Beliebigkeit und Vorläufigkeit und es wird erkennbar, dass ein Bild nicht einfach die Wahrheit zeigt, sondern allenfalls als eine Konkretion einer von vielen Wahrheiten zu verstehen ist.
Multiplikationen einer ganz anderen Art lagen früheren gegenstandsfreien Konstruktionen zugrunde: Geometrisch anmutende gleichartige Flächen werden zu neuen Gebilden kombiniert. Durch wiederholte Verwendung von Gegebenem wird Neues.
In unmöglich Figuren werden Flächen in Relation zu einander zugleich als Vordergrund und Hintergrund wahrgenommen. Die spannungsreiche und widersprüchliche Äquivalenz von Hintergrund und Vordergrund kann als Metapher für die Entwicklung wissenschaftlicher, ästhetischer und politischer Diskurse und erkenntnisfördernden Reflexionen verstanden werden.